Mein Auslandsjahr in Kirovo-Tschipetsk
Wenn ich gefragt wurde, was ich denn nach der Schule machen würde und ich antwortete: "Ich gehe jetzt erstmal für zehn Monate nach Russland", dann war die Reaktion meistens gleich: Waaaas??? Wohin??? Den folgenden Tips und Erzählungen konnte ich dann entnehmen, dass Russland vor allem kalt, Chaos, Alkohol und Mafia sein muss.
Jetzt sitze ich schon seit drei Monaten hier und ein bißchen stimmt es sogar. Aber der Reihe nach: Nach der Ankunft auf dem Moskauer Flughafen mussten wir zwei Stunden warten, bis alles erledigt war und wir den Bus besteigen konnten, der uns zum Hotel brachte, wo wir die nächsten drei Tage verbrachten. Tage, in denen wir auf die kommenden Monate vorbereitet wurden. Zum einen dadurch, dass uns schon einige Sätze russisch beigebracht wurden, zum anderen mit Informationen über Russland und unsere Städte. Außerdem hatte man die Gelegenheit die anderen Austauschschüler kennenzulernen.
Mit dem Zug ging es dann über Nacht Richtung Osten, bis wir nach zwölf Stunden in Kirovo ankamen. Hier wurden wir von unseren Familien in Empfang genommen. Begrüßt wurde ich mit einem "Herzlich Willkommen" - auf Deutsch. Denn meine örtliche AFS Vertreterin ist die Konrektorin meiner Schule und gleichzeitig Deutschlehrerin. Nach Tschipetsk waren es dann noch mal 40 km zu fahren, bis ich endlich die Umgebung sah, in der ich meine nächsten zehn Monate verbringen sollte. Aber eigentlich muß ich "wir" sagen, denn mit mir wohnt noch Thiago aus Brasilien hier in Tschipetsk.
Fangen wir mit der Familie an. Da wären zuerst Alexander Lebedev als "Vater". Er arbeitet in einer Firma, was genau weiß ich nicht. Auf jeden Fall arbeitet er ziemlich viel und ist von morgens bis abends außer Haus. Er hat Sinn für Humor, ist aber auch das Gesetz im Haus. Seine Frau heißt Nina. Sie arbeitet im Krankenhaus des Chemiewerkes als Krankenschwester. Außerdem führt sie den kompletten Haushalt. Wie ihr Mann, spricht sie ein bißchen Deutsch und ist eine hervorragende Köchin. Beide arbeiten sie viel, deshalb ist es auch kein Wunder, dass sie oft erschöpft von der Arbeit nach Hause kommen. ( Ein kleines Beispiel zum Einkommen einer Krankenschwester. Für meinen Verdienst für drei Wochen Ferienarbeit muß hier eine Krankenschwester zehn Monate arbeiten.) Die Kinder heißen Sergej und Marina. Er ist 16 Jahre alt, teilt sich mit mir sein Zimmer, geht mit mir in die gleiche Klasse. Er sitzt sogar neben mir am Tisch. Das macht viele Sachen einfacher, worüber ich auch froh bin, trotzdem war mir von vornherein klar, dass das auch seine Probleme mit sich bringen wird, wenn wir die ganze Zeit soviel zusammen sind. Seinen Humor hat er wohl von seinem Vater geerbt, denn in der Klasse ist er der Clown (was daheim manchmal zu viel wird). Zum Glück gibt es da noch einen Computer, mit dem er sich dann auch die meiste Zeit beschäftigt. Außerdem spielt er noch gut Basketball, was überhaupt DER Sport in Russland zu sein scheint, denn es wird an den Schulen hauptsächlich gespielt. Seine Schwester ist elf Jahre alt und ein ruhigeres Kind. Sie lernt Deutsch in der Schule, schaut gern fern und ist oft bei den Großeltern, die nicht weit entfernt wohnen. Alles in allem komme ich mit meiner Familie gut aus, was hoffentlich auch so bleiben wird, da es mir hier gut gefällt.
Tschipetsk hat 100 000 Einwohner, aber eine relativ kleine Grundfläche, da es hauptsächlich Hochhäuser gibt. Wir wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung im 4. Stock eines alten Hauses am Stadtrand. Keine 100 Meter entfernt fließt die Wjatka vorbei und dahinter beginnt die russische Wildnis. Vor allem im Herbst sahen die bunten Wälder wunderschön aus und das bis zum Horizont. Keine Häuser, keine Schornsteine oder Telegrafenmasten. Nur die Weite der beginnenden Taiga. Aber auch in der Stadt gibt es überraschend viel Grün. Nahezu jede Straße ist von Bäumen gesäumt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass außerhalb der Stadt eines der größten Chemiewerke von Russland steht und die Stadt deshalb ziemlich reich ist bzw. war. Damit dürfte die Luftqualität allerdings auch nicht die beste sein. Zum Glück weht der Wind meistens aus der entgegengesetzten Richtung.
Zur Schule sind es nur fünf Minuten zu Fuß. Mit meinem Gastbruder besuche ich die 10. Klasse. Das war schon vorher so geplant gewesen, vielleicht weil wir die ersten AFS Studenten hier sind. Das ist auch der Grund, warum sowieso vieles ein bißchen anders ist. Thiago und ich sind in der ganzen Schule bekannt und so etwas wie eine Attraktion, da wir für viele die ersten Ausländer sind, die sie gesehen haben. (Bis vor zehn Jahren war diese Stadt für Ausländer total gesperrt, wegen des Chemiewerkes, das man auch auf keiner offiziellen Landkarte finden würde.) Wir wurden schon von Zeitungen interviewt und kamen sogar im Fernsehen. Das hat natürlich seine guten Seiten, da uns viel geholfen wird und man um unser Wohl besorgt ist. Mit meiner Klasse komme ich gut aus und sie helfen mir, wenn ich etwas nicht verstehe. Als Fächer, die ich selbst wählen durfte, habe ich unter anderem Literatur, Englisch, Sport, Psychologie... und natürlich Russisch. Zusätzlich zu dem Schulrussisch haben Thiago und ich noch drei russisch Stunden pro Woche. Sie sind in unseren Stundenplan eingegliedert, was ganz praktisch ist. Die Schulstunden dauern, wie in Deutschland auch, 45 Minuten. Dann gibt es aber immer 15 Minuten Pause, was dazu führt, daß die Schule bis in den Nachmittag dauert und es eine Kantine für die Schüler gibt. Das System ähnelt dem in England, da man für jedes Fach das Klassenzimmer wechselt, es gibt aber keine Schuluniformen. Zur Begrüßung des Lehrers hat man aufzustehen, aber mache legen keinen Wert mehr darauf.
Nach der Schule verbringe ich den restlichen Nachmittag meistens damit, dass ich lerne, Musik höre, Computer spiele oder dass ich fernsehe. Als es noch wärmer war, haben wir oft Fußball gespielt oder sonstiges mit Freunden unternommen. Mittlerweile ist es aber ziemlich kalt geworden, so dass sich das "Rausgehen" beschränkt. Seit kurzem hat jetzt jedoch eine Eisbahn geöffnet, weshalb ich wohl bald Schlittschuhlaufen gehe. Auch Skilanglauf wäre theoretisch möglich, was ich aber noch nicht probiert habe. Es wird sowieso bald auf mich zukommen, weil es zum Schulsport gehört. Dienstags abends war ich jetzt meistens in der Schule Basketballspielen. Sonntagsabends kann ich jetzt in einem Verein Volleyball spielen und auch bei anderen Sportarten hätte ich die Möglichkeit teilzunehmen. Wer sich allerdings nicht bewegt, dem wird schnell kalt werden, denn die Außentemperatur bewegt sich meisten unter Null. Obwohl sich das sehr schnell ändern kann. Gestern waren es zum Beispiel Plusgrade und morgen kann es schon wieder minus 10 Grad haben. Die kälteste Temperatur, die ich bis jetzt draussen erlebt habe, waren minus 26 Grad. Das hört sich eigentlich schlimmer an, als es ist. Mit warmer Kleidung ist das gar kein Problem. Ich muss sowieso mit noch viel kälteren Temperaturen rechnen, da es ein kalter Winter werden soll und das heißt minus 45 Grad. Vorstellen kann ich mir das allerdings noch nicht.
Nach diesen Fakten, jetzt vielleicht das Erlebte. Ein Hinweiß meiner Freunde war nämlich: Kraut!" Du wirst viel Kraut zum Essen kriegen, hieß es. Das stimmt aber absolut nicht! Und damit sind wir beim Essen. Es kann vorkommen, dass es viermal am Tag Essen gibt, und zwar warm. Genauso wie der Tee das Hauptgetränk ist, wird Brot nahezu zu allem gegessen. Anstatt Kraut gibt es eher regelmäßig Kartoffeln zu essen und im Sommer das, was gerade im Garten reif ist. Denn natürlich hat auch meine Familie eine Datscha, wie die liebevoll gebauten Gartenhäuser heißen. Darum befindet sich meistens ein großer Gemüsegarten, der hauptsächlich den Speiseplan bereichert. Eines der bekanntesten und ein sehr schmackhaftes Gericht ist Pilmjeni. Im Prinzip sind es Maultaschen im Kleinformat, genauso lecker. Überhaupt schmeckt mir das Essen hier meistens sehr gut und es gibt tolle Rezepte. Trotzdem ist der Speiseplan nicht so abwechslungsreich, obwohl meine Familie zu den wohlhabenderen zählt. Viele Menschen führen ein noch bescheideneres Leben, wovon ich aber nicht viel mitbekomme. Die Preise sind durch die Krise noch ziemlich hoch und machen vieles, auch bestimmte Nahrungsmittel, unerschwinglich. Was für meinen Umtauschkurs natürlich günstig ist, ist für viele Menschen leider eine Katastrophe. Vielleicht wird deshalb auch so viel Alkohol getrunken, um die Realität zu vergessen. Das ist aber auch eine alte Tradition, die gerne gepflegt und wohl nie in Vergessenheit geraten wird. In erste Linie wird Wodka getrunken, aber auch Bier erfreut sich wachsender Beliebtheit. Es ist nicht so, daß jetzt überall Betrunkene herumtorkeln, aber ich sah hier mehr als jemals zuvor in meinem Leben.
Der Alkohol war wohl auch der Grund, weshalb uns ein junger "Neureicher" in einer Disco ansprach und damit auch das dritte Vorurteil bestätigt wurde – ein Mafiosi. Um das gleich zu entschärfen, muß ich sagen, dass wir in Begleitung von vier AFS Betreuern waren, da es während des ersten Sprachlagers war. Der Mann hörte uns wohl Englisch reden und wollte seine Englischkenntnisse zeigen, die aus ein paar wenigen Worten bestanden. Dabei versicherte er uns, dass er viel Geld habe und sagte etwas von Kartell Kartinski blablabla... Unsere Betreuer meinten später abschätzig, dass er nur ein "kleiner Fisch" sei. Die Geschichte endete dann auch ganz unspektakulär, indem er vom Türsteher samt seiner Freundin einfach rausgeworfen wurde.
Eigentlich war er uns gegenüber, wie alle andern auch, freundlich, höflich und interessiert. Wenn man Interesse zeigt, merkt man sofort, wie freundlich die Menschen sind und eine Einladung ist nichts ungewöhnliches.
Das sind die Dinge die man erfahren muss. Und dann hört man vielleicht auf, leichtfertige Urteile über andere Länder und Menschen zu fällen. Denn, eine Beschreibung mit hohem Wahrheitsgehalt hätte wohl so ausgesehen:
Russlands Menschen sind sehr gastfreundlich, tragen oft Goldzähne und haben die Vorteile von Trainingsanzügen erkannt.
Rolfs
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Letzte Änderung: 23. Februar 2009